17.09.1958

Ferienerlebnis

Der Angestellte erklärte mir, die Arbeit wäre wirklich nicht schwer. „Wo ist der Schaber? Sie sollen sehen, wie es gemacht wird.“ Als er das Gesuchte nicht gleich fand, nahm er ein Lineal und schwang es von oben nach unten. Ermunternd schaute er mich an. Wirklich, gerade die richtige Beschäftigung für mich! Er legte das Lineal beiseite, um mich in die Liste als „Entroster“ einzutragen. Ich war Werftarbeiter geworden.

Von meinem Arbeitskameraden Hufnagl wollte ich erzählen. Freilich, nicht nur. Zu ihm gehören auch andere. Seine Kollegen etwa kämen ohne ihn schlecht aus. Er ist nämlich das Ziel ihres Spotts. Auf einen allerdings durfte auch er herabblicken – auf Christoph. Dem jedoch taten Spott und Neckereien nichts an. Kamen sie von Hufnagl, waren sie ohnehin nicht gefährlich.

Er fiel mir bald auf. Er, der Ältere, war es, der für die anderen fortwährend bereit zu sein hatte. Vor Jahren – erfuhr ich später – hatte ihm ein Bauernhof gehört. Ohne sein Verschulden hatte er ihn verloren. Jetzt war er einer von denen, die jeder Bürger einer Werftstadt etwas fürchtet. Und doch sind sie es, die den großen Schiffen den ersten Glanz geben – lange bevor Maler und Innenarchitekten kommen.

Wahrhaftig, Hufnagel sah nicht vertrauenerweckend aus. Klein von Statur, trägt er wie alle eine schmierige, von der Arbeit rotbraune Kombination, auf dem Kopf sitzt eine zerlumpte Mütze, die Füße stecken in Holzschuhen, aus denen die Fußlappen herausschauen. Sein Gesicht ist über und über mit Rost bedeckt, durch den Schweiß sind hellere Streifen hineingezeichnet. Wie soll einer auch gepflegt erscheinen, nach acht Stunden in halbmeterhohen Kammern, in denen Handlampen nur unsicheres Licht geben und die Luft voll staubfeinen Rostes ist?

Später arbeitete ich allein mit Hufnagl zusammen. Er war alt, für das Akkordsystem viel zu alt. Die Jüngeren hüteten sich, mit ihm in eine Gruppe zu kommen. Längst hatte er sich damit abgefunden. Nur hin und wieder kam der Zorn durch auf den Kriecher unter den Arbeitern, der die hohe Norm befürwortet hatte, auf die Kollegen, die keine Kameradschaft kannten. „Äh, das sind ja bald keine Menschen mehr, die Zigeuner, die … Wir können auch noch arbeiten.“ Es konnte auch geschehen, dass er plötzlich innehielt, nur um zu sagen: „Ja, so ist das.“ Oder war dies der Abschluss einer Gedankenreihe? Sich zu sorgen, gab es für ihn genug Anlass. Fünf unversorgte Kinder, und die Hypothek für seine neue Dreizimmerwohnung musste abgezahlt werden. Selbst für den Sonntag versuchte er, Arbeit zu bekommen.

Oft stellte er mir – wie die anderen auch – die Frage nach meinem zukünftigen Studium. Anfangs wich ich den Antworten aus. Schaffe nicht von vornherein Gegensätze! Ja, später habe ich es dann gleichfalls unterlassen.

Es gab mancherlei Situationen, von denen man förmlich gefordert wurde. Wenn sie Christoph, dem Katholiken, über mitspielten …

In solchen Tagen denkt man an Don Camillo. Man ist leider keiner; wie sie immerhin auch keine Peppones sind. Aber das ist eine schlechte Ausflucht.

Nach dem Abitur hat man die vielleicht längsten Ferien seines Lebens. Nichts weiter sollte geschehen sein? Lediglich ein paar dürftige Worte mit einem Alten? Mir schien es mehr. Denn kürzlich kam Hufnagl zu mir. Über dies und das sprachen wir. Als er längst gegangen war, wusste ich plötzlich den Grund seines Besuchs. Die Arbeitsstelle, von der wir gesprochen hatten! Aber selbst mein Bekannter konnte mir keine leichtere mit 380 Mark Lohn nennen

In solchen Augenblicken denkt man an Don Camillo. Man ist leider keiner, wie Hufnagl immerhin auch kein Peppone ist. Aber das ist eine schlechte Ausflucht.

Jens Langer

Einer von uns

Heinrich Rathke 90 – Mutmacher, der Frieden stiftet, Herzen und Kirchentüren öffnet

Als Gertrud Guthmann , LPG-Bäuerin in Levkendorf bei Güstrow, ihn Ende der fünfziger Jahre das erste Mal sah, sagte sie bei sich: „Dei kann noch wat rutrieten.“ So hat sie mir das zehn Jahre später erzählt und fuhr fort: „Ass hei dor so stünn up dat Fest von de Gemeen, sick allens ankickt unn mit dei Lüd sprök, dor wier dat richtig einen von uns, dei nix Bäderes sien wull, unn einen, dei wat künn .“ Levkendorf ist nicht mehr, mußte dem Flugplatz Rostock-Laage weichen, und Gertrud Guthmann hat ihre Ruhestätte bis zur Auferweckung der Toten auf dem Weitendorfer Kirchhof gefunden. Auch ihrer sei stellvertretend gedacht.

Einige Jahre nach dieser erzählten Begegnung hatte mich dann die Neugierde zu den Gottesdiensten gezogen,die der ehemalige Warnkenhäger Pastor im Saal auf dem Hof des Rostocker Friedhofswegs 11 leitete. Was macht ein Pastor aus dem Neubaugebiet Rostock-Südstadt anders und wie anders? Das war meine Frage als Theologiestudent, der die Complet in Leipzig, Jena und Rostock zu singen versucht hatte.

Im Guthmannschen Sinne gewonnen war ich aber vollends erst in den gedrängten und bewegten Gottesdiensten im Kirchwagen Rostock-Südstadt anfangs der Sechziger. Als ich einem Studienfreund begeistert etwas von der Authentizität in Liturgie und Predigt sowie den oft hinreißenden Ansagen, Werbungen für Aktivitäten und Berichten von ebensolchen („Abkündigungen“) vermitteln wollte, sagte der nach eigenen Eindrücken, das sei doch auch alles etwas simpel. In meiner Verwunderung fragte ich ihn, ob er denn anerkenne, daß sich im Kirchwagen eine Einfacheit zweiten Grades ausdrücke, hinter der doch die theologische Reflexion zu spüren wäre. Seine Skepsis blieb zunächst. Da war jedenfalls kein theologischer Flitter und rhetorischer Budenzauber.

Ich wurde 1964 Lehrvikar in Rostock-Südstadt. Als ich am 7. Oktober 1966 die Tür zu meinen ersten Gottesdienst im Kirchwagen – eine Kirche durften wir von staatswegen nicht bauen – öffnete, hörte ich deutlich eine weibliche Stimme:“Du meine Güte!“ Meinerseits dachte ich bei diesem Empfang ebenso. Es war die Bemerkung der Pfarrfrau über das akutes Verhalten eines Kindes der Familie.

Ich erinnere an die Zeit damals, in der bei einer Dienstbesprechung Erich Beyer, der Rostocker Kreiskatechet, und Heinrich Rathke frozzelten, nun erreichten sie bald die Vierzig. Es waren noch einige Jahre bis dahin, und sie wollten es nicht recht wahrhaben. Bei den Besprechungen ging es meistens um die Vorbereitung der Predigt – und das konzentriert. Manche Bemerkung des Mentors hat sich eingeprägt. So riet er dazu, selbstverständlich pro Monat eine feste Summe für Fachliteratur auszugeben. Gemessen am Einkommen, empfand ich den empfohlenen Betrag als horrende. Ich habe mich aber auch in wechselnden Staatsformen immer daran gehalten. Die unvergeßliche Marianne Rathke, geborene Rusam aus München (4.10.1933-30.1.2013), irritierte mich nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Familie mit der Feststellung, es sei etwas viel, daß die Katechetin der Kinder auf zwei Wochenstunden Christenlehre dränge. Einmal müsse reichen. Auf mich bezogen, habe ich das so verstanden, die institutionellen Ansprüche ins Verhältnis zu den Menschen in der Gemeinde zu stellen. Als Handlanger half ich einmal bei einer Kleinreparatur, wobei mein Vikariatsleiter das Dach des Kirchwagens mit einem Lappen Leinen und heißem Teer flickte. Die größte Anstrengung war vorbei, und entspannt informierte mich der Vorsitzende des Theologischen Ausschusses der Landessynode, damals außerhalb solcher Reparatureinsätze intensiv mit dem Engagement – man dürfte auch sagen: mit dem Kampf – für die Ordination von Theologinnen befaßt: „So einfach erhalten wir hier unsere Bauten. Stellen Sie sich ‚mal die Bausorgen der Marienkirche vor!“ Über dreißig Jahre nach diesem Impuls hatte ich just an diesem Sakralbau mehr als genug Gelegenheit dazu.

Rostock-Südstadt war eine Gemeinde im Entstehen – und das in einer für solches Wachstum feindseligen Zeit. Die Erfahrungen dieses Entwicklungsprozesses haben mein gesamtes Berufsleben beglückt. In der Landeskirche pflegten manche theologische Illusionen, andere betrieben die Rereinterpretation von Volkskirche, um den Anschluß an die Wirklichkeit nicht ganz zu verlieren,manchem Kollegen vergällten Frustration und Scheitern das Leben. Bei uns war Aufbruch, und Rathke inspirierte ihn. Nicht als Star, sondern als Koordinierter. Ihm spürten die Menschen sein Interesse für sie ab. Mit dem ging er nämlich zu ihnen in die erstbezogenen Häuser der Trabantenstadt und stiftete andere aus der sich sammelnden Gruppe an, es ebenfalls zu tun. Wir gingen also hinaus in den offenen gesellschaftlichen Raum, und da er staatlicherseits geschlossen zu halten gesucht wurde, klingelten wir, und tatsächlich ließ sich dieser Raum entgegen der Doktrin öffnen. In ihm begegneten wir jungen Menschen und ihren Familien, die viel erreicht hatten. Nun kamen wir, zurückhaltend zwar,aber ganz unangemeldet, hinzu. Was wollten sie noch? Was wollten wir ? So etwas nennen andere einen gesellschaftlichen Diskurs. Rathke gewann in ihm z.B. die Einsicht, die Südstadt brauche noch vor einem Kirchbau auch einen Kindergarten in unserer Verantwortung.

Da die Machtverweser das ignorant, ängstlich und dreist ablehnten, lud die Gemeinde junge Mütter mit Kleinkindern zu Beratung und Betreuung in die durch ihre Bescheidenheit auffälligen Räumlichkeiten Am Pulverturm 4 am Rande des Viertels ein. Ich erzähle das etwas ausführlicher,weil Peter Cornehl einst im „Forum Nordkirche“ das Gegenteil verbreitet hat, im Osten wären die Christen immer so verdruckst herumgelaufen und hätten nach 1989 dieses Verhalten gleich beibehalten.

Wer ist seit den achtziger Jahren in die Weiten Kasachstan zu der evangelischen Diaspora aufgebrochen und hat Menschen aus der Landeskirche mitgerissen? Damals lernten wir im Mecklenburgischen Namen ferner Glaubensgeschwister kennen und manchmal sie selbst, z.B. Eugen Bachmann, Peter Urie, Heinrich Nazarenus, Albert Rau., Ruben Sternberg … . 1992 wurde er für einige Zeit Bischöflicher Visitator der Lutheraner in Kasachstan, eingesetzt von Harald Kalnins, Rigaer Bischof der ELKRAS (Evangelisch-Lutherische Kirche in Rußland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien). Die Mecklenburger sind ebenso in kirchlicher Partnerschaft mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Rumänien verbunden. Was für Weiten, Länder und Biografien!

Heinrich Rathke hielt sich bewußt und strikt an die Begrenzung der Amtszeit und wurde nach dem Schweriner Bischofsamt wieder Gemeindepastor in der Kleinstadt Crivitz. 1989 setzte er sich dort erfolgreich für den gewaltfreien Übergang zur Demokratie ein. Es ging immer ins Offene. Dafür steht mehr als nur eine Himmelsrichtung. Dabei ist Heinrich Rathke in Mecklenburg verwurzelt und hat wohl daran gedacht, wenn er sich mehr als einmal vor der Landessynode zur Wirklichkeit von Heimat äußerte. Tenor: Heimat ist da, wo ich gewollt, gebraucht und geliebt werde. Das hat er 1971, als mecklenburgischer Landesbischof gerade ein Jahr im Dienst, vor der Eisenacher Bundessynode im Bonhoefferschen Horizont ausformuliert. „Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.“ Das ist ein Zitat, und das ist Signum einer Biografie, wurde wieder Lockruf auf den Weg in die Zukunft. Der Referent hat seinen Vortrag damals mit mehreren Gruppen und Einzelpersonen geplant und reflektiert. Uwe Schnell, Direktor des landeskirchlichen Predigerseminars, und ich, inzwischen Rathkes Nachfolger in Rostock-Süd, wurden in der Vorbereitungszeit auch einmal in die Güstrower Hansenstr. 5 eingeladen, in das Amt für Gemeindedienst , kurzzeitige Arbeitsstelle des bereits zum pastor pastorum Gewählten Wir hörten und debattierten. Mein Beitrag zum Referat war das Zitat von Tucholsky über die heraushängende Zunge als Kennzeichen der großen Kirchen.

In allen seinen Diensten hat er sich viel zugemutet , und wir alle haben ihm viel zugemutet, aber auch mitzutragen versucht. Dabei hatte er Unterschiede auszuhalten. Natürlich trat er für Reisefreiheit ein, aber er redete ebenso Kolleginnen und Kollegen ins Gewissen, die ihre Gemeinde für immer verlassen wollten. Ich selber habe ihm einige Male gesagt, daß ich die Orientierung der ökumenischen Arbeit auf die römische Kirche für überproportional halte. Das betraf nicht ihn allein und ist keine Mehrheitsmeinung. Eine eindeutige Mehrheit erhielt sein Vorschlag beim Weggang aus Rostock, die hanseatische Halskrause für den Kirchenkreis abzuschaffen. Im z. Z. nicht auffindbaren Protokollbuch des Konvents hat sich damals als einzige Gegenstimme Hugo Niemann, Pastor an Heiligen Geist, namentlich aufführen lassen. Ich arbeitete auf dem Lande in Kritzkow und war für den Antrag,als ich davon hörte. Angesichts des Niedergangs der liturgischen Kleiderordnung finde ich es inzwischen bedauerlich, daß dieses Stück gewachsener liturgischer Kultur verlorengegangen ist.

Bedenklich erscheint mir, daß auch Heinrich Rathkes Zeit für künftige Generationen wohl vor allem aus dem Buch über die DDR-Kirchenpolitik 1971-1989 gegenüber der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs aus der Feder Rahel Franks erschlossen werden wird. Es ist etwa unseren zuwandernden Nordelbiern als billige Informationsquelle zuhanden. Abgesehen von krassen Fehleinschätzungen, ergibt die Verengung auf eine Schlüssellochperspektive kein reales Bild von der Geschichte und den in ihr handelnden Personen. Die Erscheinung ist reicher als das Gesetz, und die Kirche Mecklenburgs hat in den siebziger Jahren beeindruckende Aufbrüche erlebt. Ich möchte, daß der theologische Pluralismus unserer gar nicht so kleinen einstigen Landeskirche zur Sprache gebracht und entfaltet, nicht aber alles über diesen mageren Leisten geschlagen wird. Solchen geistlichen Reichtum müßten wir den newcomers aus Nordelbien schon gönnen. Uns auch.

Seine Erfahrungen hat er getreulich protokolliert. Sie interessierten keinen Editor. Er konnte seine Lebenstheologie zum Glück einem Kreis von Freundinnen und Freuden anvertrauen, die „Wohin sollen wir gehen?“ Der Weg der Evangelischen Kirche in Mecklenburg im 20. Jahrhundert. Erinnerungen eines Pastors und Bischofs und die Kämpfe mit dem Staat , hgg. Von W. Nixdorf u.a. Kiel 2014, publizierten.. Dazu kam eine Festschrift zum 85.Geburtstag („Kirche für andere – Kirche mit anderen“ (Wismar 2014), worin die Rathkeschen Anstöße dokumentiert und ihr Zukunftspotential veranschaulicht werden. Schwerpunkte seiner theologischen Existenz hat er im Titel des Märtyrer-Buches benannt, das er zusammen mit Björn Mensing herausgegeben hat: „Mitmenschlichkeit, Zivilcourage, Gottvertrauen“ (Leipzig 2003). Gerrit Ebneter und Christiane Bauman haben über das Leben dieses Mutmachers im Dezember 2014 einen Film von 82 Minuten gemacht („Altbischof Heinrich Rathke. Ein erzählter Lebenslauf“).

Das alles ist nachhaltiges Bekenntnis und gelebte Geschichte geworden. Am 12.12.2018 wird er 90 Jahre alt. Es wird stiller. Mariannes und seine gemeinsamen sieben Kinder mit ihren Familien sind um ihn – Freundinnen und Freunde aus alten Zeiten, den vorigen Jahren, halten Kontakt.Der Regenbogen Gottes über allen zeugt von Hoffnung und Treue in Zeit und Ewigkeit.

Jens Langer, Rostock<

Klare Kante gegen die Stasi – Heinrich Rathke hat seine Autobiografie veröffentlicht    ››› ›››

GEHEILTE ERINNERUNGEN.

Eginald Schlattner

*13.9.1933 – 85 !

Auf einer Fahrt von Siebenbürgen nach Bukarest: Beim Anblick vieler neugegründeter Klöster fragt eine junge Frau: „Was muß ich tun, wenn ich in eine solche Gemeinschaft eintrete?“ Die so fragt, ist in Rumänien geboren, in Hamburg aufgewachsen und lebt seit 15 Jahre wieder in ihrer ursprünglichen Heimat. Ich kann ihr antworten: „Acht Stunden wird im Stehen vor der Altarwand gebetet und gesungen. Zehn Stunden wird unter der lautstarken Aufsicht der Oberin gearbeitet. Dienlich der Seelen Seligkeit. Schließlich: sechs Stunden todmüder Schlaf.“

Ich wüßte noch mehr. Dieses Erfahrungswissen stammt allerdings nicht von mir, sondern von Eginald Schlattner, der mit seinen Romanen „Der geköpfte Hahn“ (1998), „Rote Handschuhe“ (2000), „Das Klavier im Nebel“ (2005) die europäische Literaturszene fulminant Richtung Südosten erweitert hat und mit der narrativen Dokumentation „Wasserzeichen“ (2018) ein Panorama des siebenbürgisch-sächsischen Bürgertums zwischen Glanz, Elend und Neubesinnung schuf. Mit seinem jüngsten Werk, aus dem ich mich für die Antwort an die junge Frau freihändig bediente (Wasserzeichen, S. 72), hat er den reich ornamentierten Schlußstein gesetzt für sein Sprach-Gedächtnis der siebenbürgischen Wunden und Wunder, und zwar voll eines poetischen Realismus, ohne Verbitterung, angelegt auch auf künftige Generationen, damit diese ihre Gegenwart angemessen verstehen können.

Schlattners gelegentlicher Rückzug ins rumänisch-orthodoxe Kloster ist seinem Bedürfnis nach Kontemplation geschuldet trotz manchmal überbordernder Erzählfreude. Oder gerade ihretwegen? Jedenfalls sieht er auch in diesem Bereich deutliche Defizite, wenn er etwa seinen orthodoxen Kollegen scherzhaft und selbstironisch zuruft, sie könnten wunderbar singen, und er brächte als Gefängnisgeistlicher Lebensmittel und Hygieneartikel in die Zellen. Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz ist die Präsenz vor Ort: Rothberg/Rosia, mittlerweile auch leicht verklärt, jedenfalls latinisiert: mons rubens, vor den Toren von Hermannstadt/Sibiu gelegen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Zielpunkt eines beschwerlichen Weges. Auf diesem erwartete den einst relegierten Theologiestudenten und nachmaligen Studenten der Hydrologie 1959 ein Hochverratsprozeß unter Securitate-Bedingungen – 2 Jahre Zellenhaft, 7 Quadratmeter: „Kein Sonnenstrahl drang durch das sowieso verbarrikadierte Oberlicht. Kein Abort in der Zelle, Notdurft auf Kommando zweimal am Tag unter Aufsicht, hingeführt mit Blechbrillen. Das Kleinste: kein Spiegel. Dagegen das Schlimmste: ohne Hofgang, niemals.“ (E.Sch., Biografie der gewußten Wirklichkeit: Spiegelungen 2017/Heft 1). Nach der Haft schuftete er in verschiedenen Jobs, wobei er auch die unvergessene Solidarität von mit ihm schuftenden Roma erfuhr. Nach einer unerwarteten Erfahrung biblischer Aktualität studierte er, der mit staatlicher Erlaubnis inzwischen doch noch seinen Abschluß als Dipl.ing. für Hydrologie nachgeholt hatte, mit 40 noch einmal bewußt Theologie. Zum Prozeß und seinen Außenwirkungen gibt es Unterstellungen, Verleumdungen und Manipulationen. Die Berliner Germanistin Michela Nowotnick ist ihnen allen auf den Grund gegangen – in den Archiven der Securitate und hat die ausgestreuten Behauptungen als die genannten Textsorten herausgearbeitet (M.N., Die Unentrinnbarkeit der Biographie. Der Roman „Rote Handschuhe“ von Eginald Schlattner als Fallstudie zur rumäniendeutschen Literatur, 2016). In diesem Klima wurde Eginald Schlattner 1978 der 50. evangelische Pfarrer von Rothberg seit der Reformation, und er ist es geblieben, offen für die traditionsbewußte Gemeinschaft und offen für die prekäre Lage der braunen Geschwister vom Bach, wie er sie oft nennt.Etliche hat er viele Jahre mit Schul- und Fahrgeld bis zum erfolgreichen Studienabschluß unterstützt und sich mit ihnen gelegentlich zum Austausch beim Sonntags-Tee getroffen.Mittlerweile gibt es sogar eine dörfliche Waldorf-Schule, bei der Schlattner sein Bildungsanliegen gut aufgehoben sieht.

Vom Gehen und Bleiben

Dem Roman „Rote Handschuhe“ über den Prozeß, die Folter-Haft und den Neuanfang steht die Widmung voran: „Für Susanna Dorothea Ohnweiler, die damals, achtzehnjährig, den Mut und die Liebe hatte, trotz allem meine Frau zu werden.“ Diese Worte stehen nun auch in kyrillischen

Lettern auf dem Vorsatz der russischen Ausgabe des Buches (zuvor schon deutsch, rumänisch, polnisch, ungarisch, spanisch und portugiesisch zu lesen). Schlattner ist übrigens für diese russische Übersetzung besonders dankbar, da er die russische Literatur von Jugend auf geschätzt hat, wenn er 7 Jahre Russischunterricht dereinst auch als Zwang empfunden hat. „Heute tut es mir leid, dass wir damals so widersetzlich waren.“

Beim Erscheinen dieser russischen Übersetzung hatte Susanna Schlattner den mons rubens bereits nach 45 Ehejahren längst verlassen.Die studierte Musiklehrerin hatte wohl immer etwas andere Vorstellungen von einem emanzipierten bürgerlichen Leben, wenn auch der Autor einer der ganz wenigen ist, der sich seinen bürgerlichen Lebensstil auf dem Dorfe bewahrt hat (nicht zuletzt inmitten antiker Möbel, die nach und nach von der ausreisenden Verwandtschaft übergeben wurden). Das Paar habe sich all‘ die Jahrzehnte um eine gemeinsame Sprache bemüht, heißt es mehrfach ( s. auch „Wasserzeichen“, S. 207 u.ö.). Am Ende des irdischen Lebens von Susanna Dorothea Schlattner (1944-2017) klingt es versöhnlich in der Anzeige: „Sie starb getrost und und getröstet im Beisein ihrer Tochter und des Ehemannes.“ Schlattner ist auch diesmal geblieben wie schon damals, als nach 1989 alle anderen bis auf die buchstäbliche Handvoll Sachsen in die ersehnte Freiheit gen Westen strebten. Er blieb damals und heute, weil er den Ort des Leides nicht verlassen will, sondern sich dafür einsetzt, dass das Leiden den Ort verläßt. So sein Bekenntnis. Dadurch wurde Rothberg zur Schreibwerkstatt für europäische Literatur.

Diese bewußte Präsenz vor Ort am offenen Horizont führt nolens volens zur kritischen Aneignung der 850jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen und des Weges der Evangelischen Kirche A.B. In Rumänien.Er ist beiden in kritischer Solidarität verbunden als ein Teil von ihnen.Schlattner erwartet von ihnen, dass sie sich den heutigen Erfordernissen öffnen – ethnisches Kleinformat hin, ethnisches Kleinformat her! Zweisprachige Gottesdienste werden die Regel sein, und der Wandel zur multiethnischen Gemeinschaft von Christen deutet sich mindestens durch die rumänische Teilnehmerschaft am Konfirmandenunterricht an. Er selbst hält täglich das Mittagsgebet und am Sonntag den Gottesdienst in der Kirche – allein oder „für Menschenkinder vom Bach und aus der Welt“. Das eine sind die braunen Geschwister vom Bach aus den prekären dörflichen Lebensverhältnissen, das andere ist die Teilnehmerschar am literarischen Tourismus, also Reisende auf Kulturtrip beim Schriftsteller in Rothberg:Liturgie auf Deutsch, wie es alle Vorgänger seit der Reformation praktizierten, Kurzpredigt auf Rumänisch wie es die aktuelle Situation erfordert.

Der Ewige im Jetzt

Am 16. Juli 2018 mailt der Rothberger Autor an seine Tochter Sabine Maya im polnische Kraków „einen beherzigenswerten Auftakt der Woche“. Es handelt sich um die vier Schlußverse von Psalm 92.Wo vom Wachsen und Grünen der Gerechten die Rede ist, gestattet sich der Theologe den Einschub: „Rothberg, Park und GÄRTEN“; als von der Verkündigung der Treue Gottes gesprochen wird, lautet der persönliche Zusatz als Konkretion vor Ort „Gottesdienste am Sonntag: Menschen- kinder vom Bach und aus der Welt“. Voller Zuversicht erscheint zwei Monate vor seinem 85. Geburtstag der Bezug auf das Altern im Fettdruck: „Und wenn sie gleich alt werden,/ werden sie dennoch blühen und fruchtbar und frisch sein,/dass sie verkündigen,/wie treu Gott ist.“ So sei es denn!

Wo frisches und fruchtbares Blühen in jüngerer Zeit wieder eingesetzt hat, das ist der verlegerische Bereich um den poeta transsylvanicus: Zur Leipziger Buchmesse 2018 erschienen die siebenbürgischen Memoiren „Wasserzeichen“, in Moskau die „Roten Handschuhe“ in russischer Übersetzung, von denen auch eine japanische Ausgabe vorbereitet wird. Die Hermannstädter Germanistin Andreea Dumitru hat zur Trilogie von 1998/2000/2005 unter dem Aspekt der Interkulturalität publiziert, der Bukarester Politologe Radu Carp seine Gespräche mit Schlattner in der Landessprache veröffentlicht, so daß auch eine rumänische Leserschaft Zugang zum Autor finden kann.Beide Publikationen sind ein weiteres Indiz dafür, dass die Mehrheitsgesellschaft die siebenbürgisch-sächsische Kultur mehr und mehr als Element der gesellschaftlichen Gesamtkultur wahrnimmt, wie es sich langsam auch im Umgang mit dem Erhalt der sächsischen Kirchenburgen andeutet. Aufseiten seiner Minderheit ist der Rothberger Dichter einer der Protagonisten dieser interkulturellen Offenheit. Sein Werk und Wirken beginnen Frucht zu tragen. Die gesellschaftliche Öffentlichkeit in Rumänien und anderswo dankt ihm das seit langem – vor allem innerlich und klammheimlich. Sie könnte es auch tun, wie es der Begriff nahelegt: publice.

Jens Langer, Rostock

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